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Quellen:

Braunschweig, Max: "Schicksale vor den Schranken. Berühmte Schweizer Kriminalprozesse aus vier Jahrhunderten". Darin: "Die Magd von Glarus. Der letzte Hexenprozess in Europa 1782", Schweizer Druck und Verlagshaus, Zürich 1943

Noll, Peter, Prof. Dr.: "Der Prozess gegen Anna Göldi", Beobachter (Schweizerische Zeitung in Basel), mehrere Ausgaben Februar 1971

Prof. Dr. rer. nat.  Werner Schiebeler, Zeitschrift 'Wegbegleiter' Nr. 2/2005, S. 7-49.

Anna Göldi war die Tochter sehr armer Eltern, die schon in früher Jugend ihren Lebensunterhalt als Dienstmagd verdienen musste. Mit 28 Jahren war sie im Pfarrhaus von Sennwald beschäftigt. Dort lernte sie einen jungen Burschen Namens Jakob Rhodurner (red. oder Rhoduner) kennen. Dieser schwängerte sie, liess sie dann aber sitzen. Anna verbarg die Schwangerschaft und gebar das Kind ohne jeden Beistand. Es starb aber sehr schnell. Als das tote Kind entdeckt wurde, stellte man Anna öffentlich an die Schandsäule. Drei Jahre später fand sie Dienst im Haus eines Dr. Zwicky in Mollis. Wieder wurde sie schwanger, und zwar diesmal von ihrem Dienstherrn. Wieder wurde die Geburt verheimlicht, aber das Schicksal dieses Kindes ist unbekannt.

Nach weiteren mehrfachen Stellungswechseln, sie war inzwischen 42 Jahre alt, trat sie 1780 ihren Dienst bei dem angesehenen Arzt und Richter Johann Jakob Tschudi an. Er lebte mit Frau und fünf Kindern in Glarus in der Schweiz. Die zweitälteste Tochter des Ehepaars hiess Annemaria, genannt Annemigli. Sie war acht Jahre alt, dumm, verwöhnt, unartig und der Liebling der Mutter. Dieses Kind riss der Magd 1781 einige Male die Haube vom Kopf und bekam dafür einen Klaps. Die Mutter rügte daraufhin die Magd.

Einige Tage darauf fand das Kind in seiner Milch eine Stecknadel (Gufe). Und in den folgenden Tagen jeweils wieder eine, und dann sogar eine im Brot. Nun wurden die Eltern stutzig. Ein erster Verdacht fiel auf die Magd Anna, welche die Milch kochte und in der Küche in die Tassen goss. Am nächsten Tag untersuchte die Mutter die Milchtassen der Kinder und fand wirklich Nadeln in den Tassen der Annamaria und der Susanna. Daraufhin wurde die Magd hart zur Rede gestellt. Diese antwortete amüsiert, woher sie wohl Nadeln nehmen sollte, wenn sie doch überhaupt keine besässe. Als aber am folgenden Tag wieder eine Gufe in Annemarias Tasse und eine in einem Brotstück gefunden wurden, jagte man Anna noch am selben Tag aus dem Haus.
Gufen (Nadeln, Stecknadeln)
Wenn aber Dr. Tschudi und seine Angehörigen gehofft hatten, dass durch den Fortgang der Göldi die leidigen Vorfälle beendet seien, so sahen sie sich hierin getäuscht. Fast gleichzeitig mit der Entlassung der Magd stellten sich bei der kleinen Annamaria höchst sonderbare Anfälle krankhafter Art ein: Das Kind wurde beim Aufstehen von heftigem Zittern befallen, stöhnte und begann wie im Fieber unverständliches Zeug zu sprechen, wie: Man solle ihm zu Hilfe kommen; es seien Männer da; man wolle es erschlagen – und dergleichen. Auch verweigerte es tagelang feste Nahrung und musste mit Tee ernährt werden. In der Zeit zwischen den Anfällen lag es stumm und mürrisch da. Kurze Zeit nachher traten auch heftige und erschöpfende Hustenanfälle auf, bis das Kind eines Tages mitten in einer solchen Hustenkrisis mit blutigem Schleim einige Stecknadeln (Gufen) ausspie.

Das fassungslose Staunen der Eltern und der andern Augenzeugen steigerte sich noch, als das "Gufenspeien" Tag für Tag fortdauerte. Sofort wurde die kleine Annamaria das Tagesgespräch von ganz Glarus. Man drängte sich, das unheimliche Wunder zu sehen. Man empfand tiefes Mitleid mit dem kranken Kind, das nach seinen Anfällen röchelnd und zu Tode erschöpft auf seinem Bette lag. Die ausgespieenen Gufen, deren es bald hundert an der Zahl waren, grosse und kleine, gerade und verbogene, wurden sorgfältig untersucht und aufbewahrt

Sogleich war man sich darüber einig, dass das seltsame neue Ereignis mit jenen Vorfällen vor der Entlassung der Anna Göldi zusammenhängen müsse. Zwar waren seit dem Weggang der Magd bis zum ersten Gufenspeien volle achtzehn Tage verflossen; aber es schien den meisten offensichtlich, dass die Person, die heimtückischerweise Nadeln in die Milch des Kindes habe legen können, – denn dies sah man als erwiesen an, obschon Anna ihre Unschuld beteuert hatte – diese auch auf irgendeine Weise dem Kind in den Leib gebracht haben müsse. Dabei wusste man aber, und auch die Eltern behaupteten nichts anderes, dass Annemiggeli damals keine Nadeln verschluckt habe; überdies wäre es auch unerklärlich gewesen, wie solche Nadeln erst nach achtzehn Tagen vom Körper ausgeschieden worden wären. Es konnten also unmöglich dieselben Nadeln sein; und doch – so schien es den Glarnern – musste ein Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen bestehen. So kam man allgemein zur Überzeugung, dass die Göldi das Kind mit ihren Nadeln "verderbt", also verzaubert habe.

Der Vorfall schien ernst genug, um die Obrigkeit davon zu benachrichtigen. Die "Gnädigen Herren und Oberen" beschlossen denn auch auf Veranlassung Dr. Tschudis die unverzügliche Verhaftung der Göldi. Zu diesem Zweck wurde dem Amtsläufer befohlen, sich sogleich nach dem Werdenbergischen im Rheintal aufzumachen und die Göldi festzunehmen.

Die Verhaftung misslang zunächst, weil die Anna Göldi von ihrem zweiten Kindsvater Dr. Zwicki gewarnt worden war und sich verbergen konnte. Inzwischen hatte sich der Zustand der kranken Annamaria Tschudi weiter verschlechtert. Sie fuhr auch im Laufe des Dezembers fort, zahlreiche Stecknadeln auszuspeien. Sogar kleinere Nägel und drei Stückchen Draht waren darunter. Die Nadeln wurden gewöhnlich von dem Kind mit Schleim und Blut ausgespuckt. Manchmal musste man sie ihm auch mit Gewalt aus den Zähnen herausreissen.

Das gefährlichste Leiden aber war eine Art Verkrampfung des linken Beines. Die Muskeln waren, wie ein ärztliches Protokoll vermerkt, „erstarret und gleichsam wie eiserne Federn“. Besonders der linke Fuss war verkrümmt und gänzlich unbeweglich. Das Kind lag meist zu Bett oder im Lehnstuhl, war aber im übrigen seiner Sinne mächtig und ass mit gutem Appetit. Die unglücklichen Eltern versuchten alles Mögliche zu seiner Heilung. Da ärztliche Bemühung nichts fruchtete, wurde sogar ein Teufelsbanner hinzugezogen. Ein gewisser Irminger aus Pfaffenhausen erschien und gab dem Kind viele geheimnisvolle Tränke ein und erklärte, als seine Kur gänzlich erfolglos blieb, dass [nur] die Person, welche das Kind verderbt habe, es auch heilen könne.

Annemiggeli

Nun drängte Dr. Tschudi erneut die Ratsherren, eine ernstliche Verfolgung der Göldi in die Wege zu leiten. Nach einigem Zögern wurde ein Steckbrief an alle eidgenössischen Regierungen verschickt. Darauf konnte Anna Göldi in Degersheim verhaftet werden und wurde am 21. Februar 1782 nach Glarus überführt. Damit konnte ein Prozess begonnen werden.

Inzwischen traten aber neue Umstände zu Tage, die noch viel merkwürdiger als das bisher Geschehene waren. Sie liessen das Verhalten der Anna Göldi in einem noch unheimlicheren Licht erscheinen. Die kleine Annamaria hatte nämlich in ihren wirren Reden oft Andeutungen gemacht, dass sie noch ein Geheimnis wisse, es aber nicht sagen könne und dürfe. Nach endlosem Einreden auf das Kind und nach vielen Versicherungen, dass ihm nichts geschehen werde, was es auch erzähle, rückte Annemiggeli mit Folgendem heraus:

An einem Sonntag, als niemand von der Familie im Hause war, sei sie, Annemiggeli, von Anna Göldi mit in die Magdkammer hinaufgenommen worden. Dort habe der alte Schlosser Rudolf Steinmüller neben Anna auf dem Bett gesessen, und ausserdem sei Einer auf dem Boden herumgekrochen, der weder Beine noch Arme gehabt habe. Sodann habe ihr Anna aus einem Töpfchen ein verzuckertes Leckerlein gegeben und dabei eingeschärft, sie möge ja Vater und Mutter nichts davon sagen. Rudolf Steinmüller und „der am Boden“ hätten nichts gemacht. Weiter erzählte das Kind, auch an jenem Morgen, als es den ersten Anfall bekam, sei einer am Boden herumgekrochen und ausserdem habe ihr Anna mit der Hand an dem linken nachher erkrankten Bein heruntergestrichen.

Nachdem diese seltsame Erzählung des Kindes bekannt geworden war, stand das Urteil über die Göldi fest. Die Nadeln und Drahtstückchen – so hiess es nun in ganz Glarus – waren in das Leckerlein hineingebacken worden und die Göldi hatte sie aus Bosheit und Rachsucht auf diese Weise dem Kind eingegeben. Es lag nahe, die Magd selber, die ja nun verhaftet war, über diese neuen Umstände zu befragen.

Allein der Prozess konnte noch nicht beginnen, weil die Obrigkeit zuerst noch ein verwickeltes Problem staatsrechtlicher Art zu bereinigen hatte. Seit den Religionswirren bestanden nämlich im Lande Glarus drei Gerichtshöfe: Ein Rat für die Evangelischen, ein weiterer für die Katholiken, ein dritter Gerichtshof, "gemeiner Rat" genannt, für die gemischten Fälle und für landesfremde Personen. Während nun nach Gewohnheitsrecht Anna vor den gemeinen Rat hätte gewiesen werden müssen, stellte Tschudi, der sich auch hier wieder höchst betriebsam zeigte, die These auf, der Fall gehöre vor den evangelischen Rat, weil sich das Verbrechen in seinem Hause abgespielt habe. Die Verhöre der Göldi konnten nicht eher beginnen, als bis diese Vorfrage abgeklärt war.

(Steckbrief aus der NZZ Nr. 12 vom 9. Februar 1782)

Transkription:

Löblicher Stand Glarus, evangelischer Religion, anerbietet sich hiermit demjenigen, welcher nachbeschriebene Anna Göldin entdecken, und der Justitz einbringen wird, Einhundert Kronenthaler Belohnung zu bezahlen; womit auch alle Hohe und Höhere Obrigkeiten und Dero nachgesezte Amtsleuth ersucht werden, zu Gefangennehmung dieser Person all mögliche Hülfe zu leisten; zumahlen solche in hier eine ungeheure That, vermittelst geheimer und fast unbegreiflicher Beibringung einer Menge Guffen und anderen Gezeug gegen ein unschuldiges acht Jahr altes Kind verübet hat.

Anna Göldin, aus der Gemeind Sennwald, der Landvogthey hohen Sar und Forstek zugehörig, Zürchergebiets, ohngefähr 40. Jahr alt, dicker und grosser Leibsstatur, vollkommnen und rothlechten Angesichts, schwarzer Haaren und Augbraunen, hat graue etwas ungesunde Augen, welche meistens rothlecht aussehen, ihr Anschauen ist niedergeschlagen, und redet ihre Sennwälder Aussprach, tragt eine modenfarbne Jüppen, eine blaue und eine gestrichelte Schos, darunter eine blaue Schlingen- oder Schnäbeli-Gestalt, ein Damastenen grauen Tschopen, weis castorin Strümpf, ein schwarze Kappen, darunter ein weisses Häubli, und tragt ein schwarzes Seidenbettli.

Datum, den 25. Jenner St. v. 1782.

Kanzley Glarus evangelischer Religion

Original Steckbrief


Dr. Tschudi
liess die Zeit jedoch nicht ungenützt verstreichen. Die vom Teufelsbanner Irminger geäusserte Meinung, nur die Verderberin des Kindes könne dieses auch wieder heilen, war bei ihm und seinen Leuten zur festen Gewissheit geworden und er stellte deshalb an den Rat das Ersuchen, die Göldi möchte an seinem kranken Kind Heilversuche vornehmen.
Der Rat war einverstanden und beauftragte den Landweibel, der auch die Dienste eines Gefängnisaufsehers versah, die Göldi zu dieser heiklen Aufgabe geneigt zu machen. Der Landweibel begab sich in den Turm, wo die Magd in Ketten lag und trug ihr das Anliegen des Dr. Tschudi vor; aber Anna lehnte ab. „Wie soll ich dem Kinde helfen“, sagte sie, „da ich ihm doch gar nichts zu Leide getan habe.“ Der Weibel hielt es daher für geboten, die störrische Person schärfer anzupacken. Dass sie die Übeltäterin sei, darüber gäbe es keine Zweifel, so sagte er, und wenn sie sich weigere, dem Kinde zu helfen, so werde man sie dem Scharfrichter übergeben. Die Göldi, durch drei Wochen Kettenhaft bereits zermürbt, erschrak und erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Am nächsten Tag bestürmte sie der Weibel aufs Neue. Nachdem er sie erst erschreckt hatte, begann er ihr nun auch Hoffnung zu machen: Je schneller sie dem Ersuchen des Dr. Tschudi willfahre, desto eher werde sie die Freiheit gewinnen, versprach er, bis die verängstigte Magd schliesslich weinend einwilligte, das Kind „mit Hilfe Gottes und dem Beistand des Heiligen Geistes“ zu behandeln.



Sie wurde nun auf die Ratsstube geführt, wohin man das kranke Mädchen bereits gebracht hatte, und die Prozedur begann. Anna kniete vor dem Kind nieder und fing zaghaft an, das gekrümmte Füsschen zu streichen und zu drücken. Dabei weinte sie unausgesetzt und beteuerte, gänzlich unschuldig zu sein. Die Herren der Untersuchungskommission standen währenddessen um sie herum und ermahnten sie, recht eifrig zu sein; „denn dergleichen Leute könnten helfen, wenn sie nur wollten!“ Die Kur, die auch an den nächsten Tagen wiederholt wurde, hatte keinen sichtbaren Erfolg. Nur fiel es den Zuschauern auf, dass die kleine Annamaria, die zu Hause bei der leisesten Berührung des kranken Fusses aufschrie, bei der kräftigen Behandlung durch die Göldi keinerlei Schmerzempfindung zeigte. Auch berichtete die Mutter, sie habe beim Aufdecken ihres schlafenden Töchterleins bemerkt, dass das kranke Bein wieder so lang wie das gesunde gewesen sei, dass es sich aber nachher beim Erwachen des Kindes wieder verkrümmt habe.

Angesichts des mangelhaften Ergebnisses geriet man auf den Gedanken, die Heilungsversuche da vorzunehmen, wo das Kind von der Göldi "verderbt" worden war. So wurde Anna ins Tschudische Haus geführt und musste dort mit dem Kind die Prozedur wiederholen. Und diesmal mit dem überraschendsten Erfolg! Nachdem Anna den Fuss des Kindes wenige Minuten massiert hatte, konnte dieses plötzlich wieder ohne Hilfe aufrecht stehen. Daraufhin begab man sich in Annas frühere Kammer, wo sich jene Szene mit dem verzuckerten Leckerlein abgespielt haben sollte, und liess von Anna noch ein weiteres Mal die Behandlung des Fusses vornehmen. Nun war die Heilung vollkommen: Das Kind lief zur grössten Freude aller in der Stube auf und ab.

Die Wunderheilung erregte höchstes Aufsehen. Wenn aber Anna in ihrer Einfalt geglaubt hatte, sie habe sich durch ihre Bemühung die Freiheit oder doch zum Mindesten den Dank der Eltern verdient, so irrte sie völlig. Im Gegenteil, die Heilung wurde als ein überzeugender Beweis dafür angesehen, dass Anna mit mehr als natürlichen Kräften begabt sein müsse. Ob aber diese gewaltsame Kunstkraft mit dem Namen Zauberey oder Hexerey oder mit einer andern Benennung zu belegen sei, haben die Herren Examinatoren zu beurteilen nicht vor ihren Beruf gefunden, sondern solches dem höheren und weiseren Urteil ihrer Gnädigen Herren geziemendermassen überlassen wollen. Anna hatte also dadurch, dass sie den Bitten des Dr. Tschudi und des Rates nachgekommen war, den vollen Schuldbeweis geliefert. Denn, so lautete das unwiderlegliche Argument, wenn die Göldi das Kind nicht verzaubert hätte, so hätte sie es auch nicht heilen können! Auch die öffentliche Meinung in Glarus, die bis dahin ziemlich geteilt gewesen war, begann sich dieser Auffassung immer mehr anzuschliessen. Freilich waren damit noch nicht alle Dunkelheiten beseitigt. Auf welche Weise die Zauberei vor sich gegangen sei, ob Anna ihre Untat allein oder mit Helfern begangen habe, das waren Fragen, die noch durch den Prozess abgeklärt werden mussten.

Inzwischen waren die staatsrechtlichen Schwierigkeiten des Gerichtsstandes behoben worden. Der Göldiprozess wurde – mit Zustimmung der Katholischen, die sich von dem unklaren Handel klugerweise distanzierten – dem evangelischen Rat zugeteilt und die Gerichtsprozedur konnte somit ihren Anfang nehmen. Am 21. März 1782, genau vier Wochen nach ihrer Verhaftung, wurde Anna Göldi zum ersten Male einvernommen.

Dieses erste Verhör dauerte vier Stunden bis zur völligen Erschöpfung Annas. Aus dieser und den folgenden Einvernahmen ergibt sich der Eindruck, dass ihre seelische Widerstandskraft schon zu diesem Zeitpunkt gebrochen war. Die schwere Kettenhaft, der Zwang, der während der Heilungsprozedur auf sie ausgeübt wurde, hatten sie körperlich und geistig arg mitgenommen. Und nun stand sie, die unwissende, nicht einmal des Lesens und Schreibens kundige Magd, plötzlich vor einer Schar hochgelehrter Männer, denen ihre Schuld bereits als fest erwiesen galt. Ausserdem war ihr das ganze Geschehen auch selber ein Rätsel. Sie konnte sich das Gufenspeien der kleinen Annemiggeli so wenig erklären wie die sofortige Heilung, welche sie zu ihrer eigenen Überraschung bewirkt hatte. Was sollte sie somit den mächtigen Herren, die nun vor ihr sassen, entgegenhalten? Sie sah sich von Unbegreiflichkeiten umgeben, zu deren Aufklärung ihr dumpfes Hirn nicht ausreichte. Die sichere Überzeugung der Ratsherren und aller sonstigen Sachverständigen, dass sie eine grosse Verbrecherin sei, war wie eine feste Mauer, der sie ohnmächtig gegenüberstand. So trat sie, körperlich geschwächt, erfüllt von furchtbarer Angst und dem Bewusstsein ihrer Hilflosigkeit, vor ihre Richter.

Anna wurde zuerst über die Nadeln befragt, die seinerzeit in der Milch der Annemiggeli gefunden worden waren. Sie erklärte, sie wisse nicht, wie diese Nadeln in die Milch gekommen seien. Diese Antwort genügte nicht. Man drang so lange in Anna, bis sie schliesslich zugab, der böse Geist habe es getan. Hierüber des Langen und Breiten befragt, erklärte sie endlich: „Nun, in Gottes Namen, ich habe die Gufen in die Milch getan.“ Als Motiv gab sie an, sie habe sich dafür rächen wollen, dass ihr das Kind in der Küche die Haube vom Kopf gezerrt habe.

Folter sog. Strecken

 

 

 

 


Am folgenden Tag fand ein zweites Verhör statt. Wieder wurde Anna stundenlang bis zur völligen Ermüdung ausgefragt. Jetzt brachten die Richter Anna so weit, dass sie auch zugab, dem Kind die Nadeln in einem Leckerlein eingegeben zu haben. Doch auf die Frage, woher sie das Leckerlein bekommen habe, wusste sie keine Antwort. Länger als eine Stunde bestürmte man sie, bis sie anfing zu schreien und zu jammern. Aber die Richter lassen nicht nach, bis sie bekennt, sie habe das Leckerlein vom Schlosser Steinmüller erhalten. Da man sie vorsichtigerweise fragt, ob sie Steinmüller damit nicht Unrecht tue, antwortet Anna mit kaum hörbarer Stimme, sie wisse überhaupt nicht, was sie tue. Als man ihr nachher das Protokoll vorliest, zieht sie die gegen Steinmüller erhobene Beschuldigung ausdrücklich zurück. Aber nun wird sie von neuem in die Zange des Kreuzverhörs genommen. Wer habe ihr dann das Leckerlein gegeben, wenn es nicht Steinmüller gewesen sei? So fragt man sie unaufhörlich, bis Anna halb von Sinnen antwortet: Der Teufel habe es ihr gegeben!
Nun sind die Richter zufriedengestellt. Das Teufelsbündnis, uraltes Requisit aller Hexenprozesse, ist durch das eigene Geständnis der Übeltäterin erwiesen. Sogleich fragen die Herren weiter: In welcher Gestalt ihr der Teufel erschienen sei? Aber jetzt ist Anna am Ende ihrer Kräfte. „In einer leiden Gestalt“ antwortet sie noch und droht zusammenzusinken. Das Verhör muss daher abgebrochen werden.

Dass Anna die Beschuldigung Steinmüllers zurückgezogen hat, erscheint den Richtern als eine erhebliche Lücke in ihren Geständnissen. In der Darstellung der kleinen Annamaria Tschudi spielt Steinmüller eine Rolle. Anna wird daher noch einmal ins Verhör genommen und in der Tat gibt sie jetzt die Mittäterschaft Steinmüllers wieder zu. Daraufhin schreitet der Rat zur Verhaftung Steinmüllers. Der alte Mann erscheint zitternd vor den Richtern. Aber die Herren haben es bei ihm nicht so leicht, wie bei der unwissenden Magd. Steinmüller bestreitet auf das Bestimmteste, mit der Sache etwas zu tun zu haben. Er kann sogar nachweisen, dass er an jenem Tag, an dem er mit Anna und dem Kind in der Kammer gewesen sein soll, sich anderswo befunden habe. Er wird Anna gegenübergestellt und sie behauptet dem fassungslosen Mann ins Gesicht hinein seine Mittäterschaft.

Da somit Aussage gegen Aussage bestand, entschloss sich der Rat zu einem Mittel, das allein noch tauglich schien, den Widerspruch zu beseitigen, zur Folterung, wie das "an einigen Orten der Schweiz gewöhnlich ist". Die erste und mildeste Stufe der Tortur war das sogenannte "Schreck-Examen", welches darin bestand, dass der Scharfrichter dem Angeklagten die Marterwerkzeuge nur zeigte und ihm ihre Anwendung erklärte. Von diesen "Schreck-Examen" gab es drei Grade mit steigender Eindringlichkeit der scharfrichterlichen Belehrung. Diese drei Grade wurden nun gegenüber Anna angewandt. Beim ersten Examen hielt sie ihre Beschuldigung gegen Steinmüller aufrecht. Dem zweiten Examen wohnte Steinmüller neben dem Scharfrichter bei; und hier brach Anna zusammen. Dem Flehen des verzweifelten alten Mannes, sie solle doch die Wahrheit sagen, konnte sie nicht standhalten. Noch einmal nahm sie alle gegen den Schlosser erhobenen Anschuldigungen zurück und flehte diesen schluchzend um Verzeihung an. Steinmüller, selber weinend, gewährte sie.

Nun waren die Examinatoren in Bezug auf Steinmüller so weit wie zuvor. Man führte daher die Göldi ins dritte "Schreck-Examen", liess sie vom Scharfrichter höchst nachdrücklich mit der Folterzange bedrohen und drang in sie, nun endlich zu sagen, wer ihr das Leckerlein gegeben habe. Nach langem Schweigen, da sie keinen Ausweg mehr weiss, gesteht sie: „Der Teufel in eigener Person sei zu ihr in die Küche gekommen und habe ihr mit den Klauen ein Papier überreicht, in welchem gelber Wurmsamen und weisses Gift eingewickelt gewesen sei. Diese Substanzen habe sie dem Kind in einem feuchten Stück Brot zu essen gegeben. Der Teufel habe die Gestalt eines wüsten, schwarzen Tieres gehabt.

Aber auch in diesem Geständnis fanden die Richter noch einen Widerspruch. Anna sprach jetzt von einem feuchten Stück Brot, während die kleine Annamaria behauptete, ein Leckerlein erhalten zu haben. Die Angeklagte erschien somit immer noch nicht als voll geständig. Man beschloss daher, mit der eigentlichen Folterung zu beginnen. Anna wurde in die Folterkammer gebracht und dort mit gebundenen Händen aufgezogen, wobei sie „ein starkes, fürchterliches Geheul“ erhob. Doch blieb sie bei ihrer Aussage. Zwei Tage später wurde die Tortur wiederholt, jedoch wurde nun an ihre zusammengebundenen Füsse ein schwerer Stein gehängt. In dieser Lage bekannte Anna, dass sie dem Kind ein Leckerlein und nicht ein feuchtes Stück Brot gegeben habe. Auch gab sie nunmehr auf weiteres Befragen – zum drittenmal! – zu, dass Steinmüller ihr dabei behilflich gewesen sei. Diesen Aussagen blieb sie auch bei der dritten Folterung treu, wo sie „auf das Allerschärfeste gepeinigt wurde“.

Jetzt war die Aufgabe der Richter in Bezug auf Anna erfüllt. Sie hatte gestanden und ihr Geständnis auf der Folter bestätigt. Da ausserdem ihre Aussagen genau mit denen der kleinen Annamaria Tschudi übereinstimmten, konnte an der Wahrheit des Geständnisses folglich nicht mehr gezweifelt werden!

Dagegen bereitete Steinmüller dem Rat um so grössere Schwierigkeiten. Der alte Mann, der nun schon seit mehreren Wochen im Verliess sass, gab nicht ein bisschen von dem zu, was die Göldi gestanden hatte. Hartnäckig blieb er dabei, gänzlich unschuldig zu sein. Der Rat scheute sich aber, ihn der Folter zu unterwerfen. Er war ja bislang unbescholten und hatte einflussreiche Verwandte in Glarus. So blieb man bei hart gestalteten Verhören und brachte auch seine Verwandtschaft gegen ihn auf. Diese seelische Marter wurde für den alten Mann schliesslich unerträglich. Er erkannte, dass das Gericht nicht die Wahrheit erfahren sondern nur sein Geständnis haben wollte. So machte er ein phantasievolles Geständnis, das er aber nach wenigen Stunden widerrief. Nach erneuten stundenlangen Verhören "gestand" er erneut und diesmal alles, was man von ihm hören wollte. In der folgenden Nacht, der Nacht vor dem Schlussverhör, beging Steinmüller in seiner Zelle Selbstmord durch Erhängen am Fenstergitter. Auf Anordnung der Obrigkeit wurde dem Toten die rechte Hand abgeschlagen und an den Galgen genagelt. Sein Körper wurde unter dem Hochgericht verscharrt.

Für das Gericht ergab sich nun die Frage, ob man die Göldi zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe oder zum Tode verurteilen sollte. Da Glarus aber kein Zuchthaus besass, hätte eine Zuchthausstrafe nur in Zürich vollzogen werden können. Nun sahen aber die Glarner Richter die Gefahr, dass die Göldi in Zürich alles widerrufen könnte und damit alles wieder von vorne beginnen würde. Daher wurde die Anna Göldi als Vergifterin zum Tode durch das Schwert verurteilt und am 18. Juni 1782 (Anmerkung der Redaktion: das Todesdatum war gemäss Protokolle des evang. Rats der 13. Juni.)  durch den Henker enthauptet. Ihr Leichnam wurde unter dem Galgen verscharrt. In dem Urteil wurden zwar die Worte "Zauberei" und "Hexerei" vermieden und stattdessen von der „ausserordentlichen und unbegreiflichen Kunstkraft“ der Göldi gesprochen. Gemeint war natürlich die Zauberei.

Im schweizerischen Umland und im europäischen Ausland sprach man bald von einem Justizverbrechen und erstmals von einem Justizmord. Dass der Glarner Hexenprozess der letzte in Europa blieb, ist hauptsächlich der ausgedehnten und kritischen Berichterstattung durch die auswärtige Presse zu verdanken.

Wie aber hat man dann später und in der Neuzeit das ganze Geschehen gedeutet? Medizinisch hat man die seltsamen Erscheinungen zu einer schweren Hysterie der Annemarie Tschudi erklärt. Diese habe sich selbst die Gufen beigebracht, um sich an der Göldi zu rächen. Auf welche Weise die Annemiggli überhaupt an die vielen Gufen gekommen sein könnte, wurde nicht weiter erörtert.

Wer sollte hier eigentlich geschädigt und vernichtet werden? Die Anna Göldi? Wenn ja, warum? Oder die Annemaria Tschudi? Wenn ja, warum? Oder der alte Schlosser Rudolf Steinmüller? Wenn ja, warum? Oder sollten alle drei geschädigt bzw. vernichtet werden? Aber weshalb?

  Das Buch von Walter Hauser liefert neue Erkenntnisse zu den gestellten Fragen.

Frage:

An welchem Datum ist Anna Göldi hingerichtet worden? Ist es der 18 Juni 1782, wie in Eveline Haslers Roman und dem Text "Anna Göldi - Person und Geschichte bisher" angegeben? Oder ist es der 13. Juni 1782, wie aus dem historischen Lexikon der Schweiz (Online-Version) zu entnehmen ist? 

Antwort (Bernadette Grob, Hirzel):

am 6. Juni 1782 heisst es folgendes im evangelischen Ratsprotokoll:

 ....Der Executionstag soll von heute über 8 Tag, also auf Montag, den 13. Brachmonat angesetzt sein, wann dann zumalen wiederum der complette Strafrath um 9 Uhr auf dem Rathhaus sich besammle und die Execution um 10 Uhr vorgehen solle.....

und am 13. dieses:

....Executionstag und zugleich beim Eid angesetzter Rath, gehalten Montags den 13. Brachmonat 1782 zufolge der über die unglückliche Anna Göldi unterm 6. dieses Monats aus gesetzte Todesentscheid


Kontroverse um die Schreibweise des Namens, Bernadette Grob, Hirzel gibt Auskunft:

'Die Leute greifen den Namen "Göldin" auf, weil Eveline Haslers Buch so heisst. Anna hiess ganz klar "Göldi". Und nicht "Göldin". Aber es war damals üblich, bei Frauen die weibliche Form zu gebrauchen. Also der (Herr) Blumer, aber die (Frau) Blumerin. Der Einfachheit halber als Beilage den Auszug von Annas Taufeintrag von 1734: sicherlich schlecht lesbar, darauf steht links ADRIAN Göldi, darunter ROSINA Bühler und daneben ANNA. Ganz rechts noch der Taufpate'.

Auszug aus dem Taufeintrag

Anna Göldi ist in diversen nationalen und internationalen Videobeiträgen ein Thema. Hier eine Auswahl davon:

Thema Sender Autor Veröffentlicht am Link
Anna Göldi Museum Anna-Göldi Stiftung Andreas Schlittler 12.08.16 https://youtu.be/0ZYTC-hBhyY
Anna Gödi Dokumentation Nalia Radio and Television (NRT) Karwan Muhamad 12.12.15 https://youtu.be/j-fupkH0tF4
Anna-Göldi-Preis für Opfer staatlicher Willkür  Katholisches Medienzentrum (kath.ch)   15.06.15 https://youtu.be/HywalSiqzK8
Hänggiturm Ennenda | Anna Göldi Preis 2015 art-tv.ch Carlos Lügstenmann 20.06.15 https://youtu.be/rmBsHHdTyYQ
Witch-hunt / Hexenhatz Bern Ballett  Cathy Marston 03.07.13 https://youtu.be/2llZ4gCHARU
Letzte Hexe rehabilitiert Schweizer Fernsehen SRF SRF NEWS 27.08.08 http://www.srf.ch/play/tv/news-clip/video/letzte-hexe-rehabilitiert?id=e110f2cf-eac4-4d66-85e3-2b6bdd5e472e
La terrorífica historia de Anna Göldin, la última bruja de Europa Supercurioso, Espangna   03.08.16 https://youtu.be/HPJaCHF77KY
Anna Göldi, Hexe als Justizmordopfer Bayrische Rundfunk timotimor 14.11.13 http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/0401-hexe100.html
 "Hexenwahn und Heldenmut" Schweizer Fernsehen SRF Kulturplatz SRF 13.06.07 http://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/hexenwahn-und-heldenmut--wie-das-tragische-schicksal-anna-goeldis-ans-licht-kam?id=938530ef-e042-4558-8774-349b1bbc668d
Letzte Hexe Schweizer Fernsehen SRF Schweiz Aktuell 08.06.07 http://www.srf.ch/play/tv/schweiz-aktuell/video/letzte-hexe?id=a9e16e1a-77fc-4756-aba3-694852c0e12c
Anna Göldi offiziell unschuldig Schweizer Fernsehen SRF Video des Tages 27.08.08 http://www.srf.ch/play/tv/video-des-tages/video/video-des-tages-anna-goeldi-offiziell-unschuldig?id=637155c9-ef2a-470b-959a-9351b70ffbb2
Das tragische Schicksal der Anna Göldi Schweizer Fernsehen SRF SRF WISSEN 18.06.82 http://www.srf.ch/play/tv/srf-wissen/video/das-tragische-schicksal-der-anna-goeldi?id=b7abe5d2-46d4-447e-9f0d-449a18a7e610
Anna Göldin, letzte Hexe 1/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/GZe-cr1IcUs
Anna Göldin, letzte Hexe 2/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/nFqTg7LBL1o
Anna Göldin, letzte Hexe 3/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/4AEW4WFXUrI
Anna Göldin, letzte Hexe 4/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/ekGFxXy868o
Anna Göldin, letzte Hexe 5/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/8IvVC6QwC5k
Anna Göldin, letzte Hexe 6/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/HOHODuKT0WM
Anna Göldin, letzte Hexe 7/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/k8Fo_RMKluU
Anna Göldin, letzte Hexe 8/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/s1_hl3t2-OQ
Anna Göldin, letzte Hexe 9/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/fATqh-ht5Wk
Anna Göldin, letzte Hexe 10/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/OcvQudKnbPw
Anna Göldin, letzte Hexe 11/11 Julian Avi Singer Gertrud Pinkus/ Eveline Hasler (Romanvorlage) 30.07.13 https://youtu.be/gIIDQwLVlxg

 

Hier einige Buchtips und Medien rund ums Thema Anna Göldi

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