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Der Vorfall schien ernst genug, um die Obrigkeit davon zu benachrichtigen. Die "Gnädigen Herren und Oberen" beschlossen denn auch auf Veranlassung Dr. Tschudis die unverzügliche Verhaftung der Göldi. Zu diesem Zweck wurde dem Amtsläufer befohlen, sich sogleich nach dem Werdenbergischen im Rheintal aufzumachen und die Göldi festzunehmen.

Die Verhaftung misslang zunächst, weil die Anna Göldi von ihrem zweiten Kindsvater Dr. Zwicki gewarnt worden war und sich verbergen konnte. Inzwischen hatte sich der Zustand der kranken Annamaria Tschudi weiter verschlechtert. Sie fuhr auch im Laufe des Dezembers fort, zahlreiche Stecknadeln auszuspeien. Sogar kleinere Nägel und drei Stückchen Draht waren darunter. Die Nadeln wurden gewöhnlich von dem Kind mit Schleim und Blut ausgespuckt. Manchmal musste man sie ihm auch mit Gewalt aus den Zähnen herausreissen.

Das gefährlichste Leiden aber war eine Art Verkrampfung des linken Beines. Die Muskeln waren, wie ein ärztliches Protokoll vermerkt, „erstarret und gleichsam wie eiserne Federn“. Besonders der linke Fuss war verkrümmt und gänzlich unbeweglich. Das Kind lag meist zu Bett oder im Lehnstuhl, war aber im übrigen seiner Sinne mächtig und ass mit gutem Appetit. Die unglücklichen Eltern versuchten alles Mögliche zu seiner Heilung. Da ärztliche Bemühung nichts fruchtete, wurde sogar ein Teufelsbanner hinzugezogen. Ein gewisser Irminger aus Pfaffenhausen erschien und gab dem Kind viele geheimnisvolle Tränke ein und erklärte, als seine Kur gänzlich erfolglos blieb, dass [nur] die Person, welche das Kind verderbt habe, es auch heilen könne.

Annemiggeli

Nun drängte Dr. Tschudi erneut die Ratsherren, eine ernstliche Verfolgung der Göldi in die Wege zu leiten. Nach einigem Zögern wurde ein Steckbrief an alle eidgenössischen Regierungen verschickt. Darauf konnte Anna Göldi in Degersheim verhaftet werden und wurde am 21. Februar 1782 nach Glarus überführt. Damit konnte ein Prozess begonnen werden.

Inzwischen traten aber neue Umstände zu Tage, die noch viel merkwürdiger als das bisher Geschehene waren. Sie liessen das Verhalten der Anna Göldi in einem noch unheimlicheren Licht erscheinen. Die kleine Annamaria hatte nämlich in ihren wirren Reden oft Andeutungen gemacht, dass sie noch ein Geheimnis wisse, es aber nicht sagen könne und dürfe. Nach endlosem Einreden auf das Kind und nach vielen Versicherungen, dass ihm nichts geschehen werde, was es auch erzähle, rückte Annemiggeli mit Folgendem heraus:

An einem Sonntag, als niemand von der Familie im Hause war, sei sie, Annemiggeli, von Anna Göldi mit in die Magdkammer hinaufgenommen worden. Dort habe der alte Schlosser Rudolf Steinmüller neben Anna auf dem Bett gesessen, und ausserdem sei Einer auf dem Boden herumgekrochen, der weder Beine noch Arme gehabt habe. Sodann habe ihr Anna aus einem Töpfchen ein verzuckertes Leckerlein gegeben und dabei eingeschärft, sie möge ja Vater und Mutter nichts davon sagen. Rudolf Steinmüller und „der am Boden“ hätten nichts gemacht. Weiter erzählte das Kind, auch an jenem Morgen, als es den ersten Anfall bekam, sei einer am Boden herumgekrochen und ausserdem habe ihr Anna mit der Hand an dem linken nachher erkrankten Bein heruntergestrichen.

Nachdem diese seltsame Erzählung des Kindes bekannt geworden war, stand das Urteil über die Göldi fest. Die Nadeln und Drahtstückchen – so hiess es nun in ganz Glarus – waren in das Leckerlein hineingebacken worden und die Göldi hatte sie aus Bosheit und Rachsucht auf diese Weise dem Kind eingegeben. Es lag nahe, die Magd selber, die ja nun verhaftet war, über diese neuen Umstände zu befragen.

Allein der Prozess konnte noch nicht beginnen, weil die Obrigkeit zuerst noch ein verwickeltes Problem staatsrechtlicher Art zu bereinigen hatte. Seit den Religionswirren bestanden nämlich im Lande Glarus drei Gerichtshöfe: Ein Rat für die Evangelischen, ein weiterer für die Katholiken, ein dritter Gerichtshof, "gemeiner Rat" genannt, für die gemischten Fälle und für landesfremde Personen. Während nun nach Gewohnheitsrecht Anna vor den gemeinen Rat hätte gewiesen werden müssen, stellte Tschudi, der sich auch hier wieder höchst betriebsam zeigte, die These auf, der Fall gehöre vor den evangelischen Rat, weil sich das Verbrechen in seinem Hause abgespielt habe. Die Verhöre der Göldi konnten nicht eher beginnen, als bis diese Vorfrage abgeklärt war.

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